Kolumne

Mentale Gesundheit in der Musikindustrie - Perspektive einer Managerin

25. März 2025

Lesezeit: 4 Minute(n)

Die Musikindustrie nimmt in unserer Gesellschaft eine einzigartige Rolle ein – sie schafft emotionale Resonanz und prägt unsere kulturelle Identität. Musik hat die Kraft zu heilen, zu inspirieren und Menschen über Grenzen hinweg zu verbinden. Für Musikbegeisterte und Kulturschaffende gilt sie oft als therapeutische Kraft, die das ausdrücken kann, was Worte nicht vermögen. Doch hinter der schillernden Fassade dieser lebendigen Branche verbirgt sich eine düstere Realität. Die psychische Belastung der Menschen, die Musik zum Leben erwecken – nicht nur derer, die sie ausüben, sondern auch derer, die hinter den Kulissen arbeiten – wird oft übersehen. Der immense emotionale Druck kann ernsthafte Auswirkungen auf die mentale Gesundheit haben, und es ist höchste Zeit, dieses Thema anzugehen.

Text: Stefanie Schumann

Studien zeigen seit Langem einen Zusammenhang zwischen Kreativität und psychischen Herausforderungen. Eine im Journal of Psychiatric Research veröffentlichte Untersuchung belegt, dass Menschen in kreativen Berufen anfälliger für psychische Erkrankungen wie Depressionen und bipolare Störungen sind. Diese Verbindung wird auf die gleichen kognitiven Prozesse zurückgeführt, die Kreativität fördern: gesteigerte emotionale Sensibilität, abstraktes Denken und intensive Selbstreflexion. Der Neurowissenschaft zufolge überschneiden sich die Gehirnregionen, die für Kreativität zuständig sind, mit denen, die emotionale Regulierung steuern – was kreative Menschen besonders verletzlich für psychische Belastungen macht.

Für Kulturschaffende ist ihre Kunst oft ein Weg, tiefen emotionalen Schmerz zu verarbeiten. Doch dieser kreative Prozess kann ein zweischneidiges Schwert sein und sie für psychische Probleme anfällig machen. Neben den intrinsischen Herausforderungen der Kreativität verstärkt die Struktur der Musikindustrie diese Verwundbarkeit. Unregelmäßige Zeitpläne, öffentliche Kritik und finanzielle Unsicherheit sind nur einige der Belastungen, denen Künstlerinnen und Künstler ausgesetzt sind. Diejenigen, die im Hintergrund arbeiten – im Management oder in Agenturen – tragen oft die Hauptlast dieser Herausforderungen, da sie sowohl für das Wohlbefinden als auch den Erfolg ihrer Acts verantwortlich sind.

Herausforderungen für Branchenprofis

Als Musikmanagerin und Mitgründerin der Agentur Delicious Tunes habe ich die mentalen Belastungen, denen Menschen in dieser Branche ausgesetzt sind, hautnah erlebt. Besonders in Nischenbereichen wie Jazz und Weltmusik ist das Geschäft hart. Lange Arbeitszeiten, schlecht bezahlte Gigs und ermüdende Reisen gehören zur Tagesordnung. Ich trage nicht nur die Verantwortung für den kommerziellen Erfolg der Kulturschaffenden, die ich vertrete, sondern fungiere oft auch als emotionale Stütze. Die enorme Verantwortung, die turbulenten Leben dieser künstlerisch tätigen Menschen zu begleiten, bringt mich manchmal an meine Grenzen.

Ein besonders einschneidendes Erlebnis hatte ich mit einem Musiker, der mit einer Alkoholsucht kämpfte. Er war wie ein Sohn für mich, aber zuzusehen, wie er sich selbst zerstörte, war unerträglich. Diese Situation forderte sowohl finanziell als auch emotional ihren Tribut und zwang mich dazu, die Zusammenarbeit vorübergehend zu beenden. Dieses persönliche Beispiel verdeutlicht die erheblichen Auswirkungen, die solche Verantwortlichkeiten auf die mentale Gesundheit von Managern und Managerinnen haben können, die oft zwischen Stress, Ungewissheit und emotionaler Arbeit zerrieben werden.

Zentrale Stressfaktoren in der Musikindustrie

  • Druck und Erwartungen: Musikschaffende stehen unter ständigem Druck von Fans, Labels und der Öffentlichkeit. Das führt häufig zu Angstzuständen, Depressionen und Burnout – wobei das Management einen Großteil dieses Drucks abfedert.
  • Unregelmäßige Lebensweise: Späte Studiositzungen, endlose Tourneen und unvorhersehbare Routinen stören den Schlaf und schaffen Instabilität – sowohl für die Ausübenden selbst als auch für ihre Teams.
  • Soziale Medien und öffentliche Kritik: Die ständige Sichtbarkeit durch die sozialen Medien wirkt oft toxisch. Negative Kommentare und öffentliche Anfeindungen treffen nicht nur die Musikschaffenden, sondern belasten auch Management und Teams.
  • Isolation und Einsamkeit: Trotz des Rampenlichts führt das Leben auf Tour oft zu einem Gefühl der Isolation. Emotionalen Höhenflügen nach Auftritten folgen häufig tiefe Abstürze, was ein instabiles emotionales Umfeld schafft.

Mentale Gesundheit in der Musik adressieren

Ich bin überzeugt davon, dass die mentale Gesundheit in der Musikindustrie mehr Aufmerksamkeit verdient, da sie für nachhaltigen Erfolg entscheidend ist. Mentale Gesundheit ist kein Luxus – sie ist eine Notwendigkeit. Als Managerin lege ich großen Wert auf offene Kommunikation, das Setzen von Grenzen und die Einbindung professioneller Unterstützung. 

  • Offene Kommunikation fördern: Der Aufbau von Vertrauen mit Künstlerinnen und Künstlern, um mentale Gesundheitsprobleme offen ansprechen zu können, ist entscheidend. Die Normalisierung solcher Gespräche hilft, die Stigmatisierung von Hilfesuche abzubauen.
  • Grenzen setzen: Realistische Ziele und Erholungszeiten sind wichtig. Kurzfristige Erfolge dürfen nie auf Kosten des langfristigen Wohlbefindens gehen.
  • Professionelle Unterstützung einbinden: Kulturschaffende zur Inanspruchnahme von Therapie oder Coaching zu ermutigen, gibt ihnen Werkzeuge, um mit psychischen Belastungen umzugehen.
  • Selbstfürsorge praktizieren: Auch als Managerin muss ich meine eigene mentale Gesundheit pflegen. Stressmanagement durch Sport, Meditation und regelmäßige Pausen ist essenziell, um im Gleichgewicht zu bleiben.
  • Bewusstsein in der Branche schaffen: Systemische Veränderungen erfordern kollektives Engagement. Workshops, Unterstützungsprogramme und Partnerschaften mit Stakeholdern können eine gesündere Arbeitsumgebung fördern.

Nachhaltigkeit statt Kurzfristigkeit

Die Musikindustrie jagt oft nach Trends und schnellen Erfolgen. Doch nachhaltiger Erfolg basiert auf körperlicher und psychischer Gesundheit. Ein stabiles, unterstützendes Umfeld verhindert Krisen und fördert Kreativität und Leistung. Dieser Ansatz erfordert ein Umdenken – Labels und Managementteams sollten langfristige Karrieren statt flüchtiger Momente des Ruhms fördern.

Die COVID-19-Pandemie hat die Fragilität der mentalen Gesundheit in der Musikindustrie offenbart. Finanzielle Unsicherheit, abgesagte Tourneen und verlorene soziale Kontakte haben viele an ihre Grenzen gebracht. Während die Branche sich erholt, sollten wir diese Lehren nicht vergessen und die mentale Gesundheit an erste Stelle setzen.

Handlungsaufruf

Es ist Zeit, dass die Musikindustrie ihre Kultur und Praktiken hinterfragt. Von Labels über Veranstaltende bis hin zu Managements müssen alle zusammenarbeiten, um eine gesündere, nachhaltigere Umgebung zu schaffen. Dazu gehört der Zugang zu Ressourcen für mentale Gesundheit, die Schaffung von Richtlinien für mehr Balance und die Förderung offener Gespräche über Herausforderungen.

Wenn Sie Künstler, Managerin oder anderweitig Teil der Branche sind, wissen Sie: Sie sind nicht allein. Suchen Sie Unterstützung, setzen Sie sich für Veränderungen ein und denken Sie daran, dass mentale Gesundheit die Grundlage für Kreativität und Erfolg ist. Gemeinsam können wir eine Branche gestalten, die nicht nur unterhält, sondern auch das Wohlbefinden aller fördert.

Fazit

Die Energie und die emotionale Tiefe der Musikindustrie sind ihre größte Stärke – aber auch ihre größte Herausforderung. Als Managerin ist es meine Aufgabe, kreative Energie mit mentaler Stabilität in Einklang zu bringen. Ein gesundes Team ist die Grundlage für nachhaltigen Erfolg – und das größte Geschenk, das wir Künstlerinnen und Künstlern machen können. Indem wir Raum für Fürsorge und Erholung schaffen, kann die Branche uns weiterhin inspirieren und verbinden – nicht nur durch ihre Werke, sondern auch durch ihre Menschlichkeit.

www.delicioustunes.com

Zur Autorin: Stefanie Schumann, geboren 1974 in München, ist Musikmanagerin und CEO von Delicious Tunes. Ihre Leidenschaft für Jazz, Weltmusik und den afrikanischen Kontinent prägt ihr berufliches Wirken. Mit Fokus auf Künstlerförderung setzt sie sich für nachhaltige Strukturen und mentale Gesundheit in der Musikindustrie ein.

 

Aufmacherfoto:
Stefanie Schumann

Foto: Nelly Küfner

1 Kommentar

  1. Sehr gut geschrieben. Klar und verständlich. Auch sehr mutig. Mein Kompliment

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